Konstantin Lannert / zitty 10.09.09   ...zum Onlineartikel


Es knarzte und quietschte. Schnell rutschten die Filzstifte über eine Wand des Projektraums arttransponder und verwandelten sie in einen Plan. Tatjana Fell, Carsten Horn und Kerstin Karge vom Ausstellungsort arttransponder hatten zu einem Workshop über die Zukunft Berliner Projekträume geladen. Unter dem Titel "Chances of Crisis - Bewegungen aus einem instabilen Feld" berichteten am 27. und 28. August Referenten über Internetforen und Tauschringe, und Vertreter Berliner Projekträume stellten ihre Orte vor. Auch Ingrid Wagner, Koordinatorin für Projekte und Stipendien der Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten, war gekommen und bildete bald den Mittelpunkt der Diskussion.

"Nachdem wir mitbekommen haben, dass immer mehr Räume schließen mussten, wollten wir etwas unternehmen", sagte Tatjana Fell von arttransponder. "Etwa 40 solcher Orte gibt es in Berlin, allerdings weiß jeder wenig über die anderen". Projekträume bieten Künstlern Gelegenheit, ihre Ideen ohne Verkaufsdruck oder Einmischung eines Galeristen zu verwirklichen. Viel Idealismus und Zeit gehören dazu, einen solchen Ort zu betreiben: In der Regel bleiben Organisatoren oder Künstler  auf den Rechnungen sitzen. Und so galt es auch zu diskutieren, wie sich die Krise auf Projekträume auswirkt und wie man gemeinsam weitermachen könnte. "Krise herrscht in Berlin ja eigentlich immer", sagte Jonas Möhring von 123comics, einem Zusammenschluss von vier Comiczeichnern. "Aber jetzt spricht man einfach häufiger über die eigene krisenhafte Existenz." Davon, dass eine Krise auch neue Möglichkeiten schafft, wusste Matthias Einhoff vom Skulpturenpark Berlin_Zentrum zu berichten: "Unser Ausstellungsgelände befindet sich auf einer Brachfläche. Das Grundstück gehört acht Eigentümern, die verschiedene Pläne hegen. Zurzeit sind die alle auf Eis gelegt. Solange die Krise anhält, ist der Skulpturenpark sicher."
Oft zeigen Projekträume Arbeiten, die im Prozess sind, kein geschlossenes Werk eines Künstlers. Das erschwere den Zugang zu öffentlicher Förderung, klagte Fell.  "Wir können nur handeln, wenn Sie auf uns zukommen", entgegnete Ingrid Wagner. Ihr Vorschlag, einen Jour fixe in ihrer Behörde einzurichten, fand begeisterte Aufnahme. Christian de Lutz von Art Laboratory wies zudem auf eine Gepflogenheit in seiner Heimatstadt hin: "In New York ist es normal, dass man für Projekträume spendet, sei es nach einem Besuch oder am Ende des Jahres. Egal, ob 15 oder 500 Dollar: Jeder gibt, soviel er kann". In Berlin habe er mit diesem Vorschlag bisher nur Spott geerntet.
Auch wenn der Workshop mit diesem Vorwurf endete, blieb, was die Filzstifte an der Wand festgehalten hatten: Die Teilnehmer wollen eine gemeinsame Internetplattform für Projekträume einrichten und sich regelmäßig in der Senatskanzlei treffen. Vor allem können die Akteure nun auch einmal gemeinsam in die Zukunft blicken. Das Knarzen und Quietschen hat gerade erst begonnen.  




Die Krise schafft neuen Input in der Kunst - Kulturschaffende diskutieren Wege aus der Krise            
- etwa Tauschringe oder "Kochscheine" - Tobias Singer / TAZ  28.08.09    ...zum Onlineartikel



KUNST Kulturschaffende diskutieren Wege aus der Krise - etwa Tauschringe oder "Kochscheine"
Das Wort des Jahres 2008 hat sich bis in den Kulturbetrieb vorgearbeitet: Die Finanzkrise ist da. Doch statt nach dem Vogel-Strauß-Prinzip zu verfahren, haben sich Berliner Kulturschaffende in den Räumlichkeiten des Vereins Arttransponder zwei Tage lang unter dem Titel "Chances of Crisis - Bewegung aus einem instabilen Feld" zum Gespräch versammelt. Der erste Tag stand im Zeichen der Vernetzung und Finanzierung.
Sofia Nicolas stellte eine europäische Onlineplattform für Künstler vor: labforculture.org.
Die Künstlerin arbeitet dort als Webredakteurin. Die Plattform gibt Kunstschaffenden die Möglichkeit, in einer Suchmaschine Netzwerke, wissenschaftliche Institutionen, staatliche Anlaufstellen und EU-Förderprogramme zu finden. Zusätzlich kann jeder Nutzer ein eigenes Profil anlegen. Dieser grenzübergreifende Ansatz wird als Partnerschaftsinitiative durch die Europäische Kulturstiftung gefördert.

Nach diesem Einblick in europäische Fördermöglichkeiten wirbt Johannes Burr von der Austauschplattform "Berlinerpool" für einen internationalen Tauschring für Kunstschaffende. Das Modell ist bereits im sozialen Bereich bekannt. Burr möchte diese Idee international umsetzen: "Ein Künstler kann sein Atelier in Istanbul gegen das in Berlin tauschen, ein Beamer kann gegen das Gestalten einer Website eingetauscht werden." Jedes Gut erhält einen Punktewert. "Der Wert könnte sich an einer realen Währung oder an realer Arbeitszeit orientieren."
Das Finanzsystem der Künstlerin Doris Koch besteht bereits seit zehn Jahren im kleinen Kreis: die "Kochscheine". Ein Kochschein wird für 30 Euro erworben; dabei handelt es sich um ein Papier mit Datumsstempel und Unterschrift von Koch signiert, ein Wertschein. Mit diesen Scheinen können "Indizien" erworben werden, Anteile an Kunstprojekten, die die Initiatorin selbst durchführt. Nach einem Jahr verfallen die Kochscheine, das gibt einen Anreiz zum Einlösen. Dieses "Kunsthandeln" soll nicht nur Kunstförderung sein, sondern Menschen zusammenbringen, sagt Koch. Derzeit gibt es 50 Kochscheininhaber, 1.260 Scheine sind im Umlauf. "Im Gegensatz zum realen Finanzmarkt ist seit Bestehen noch keine Kochscheinblase geplatzt", beteuert die Künstlerin.
Lucia Miarka, eine Zuhörerin, findet die Tauschbörsenidee grundsätzlich gut, gibt aber zu bedenken: "Wovon soll ich am Ende leben, muss ich dann einem Tauschring für Essen beitreten?"

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